John Maynard Keynes (1883 – 1946)

John M. Keynes war, entgegen der heute weit verbreiteten Ansicht, Mitglied der britischen Liberal Party, für die er seit 1906 aktiv war. Als Nationalökonom und in verschiedenen anderen Berufen tätig hat er zeit seines Lebens abgelehnt, als Abgeordneter ins Parlament einzuziehen, sogar im Jahr 1939, als ihm angeboten wurde, als Unabhängiger mit Unterstützung aller drei Parteien (Tories, Labour und Liberal Party) ins britische Unterhaus einzuziehen, obwohl er innerhalb der Partei durchaus einflussreich war: Als 1926 Lloyd George Parteichef der Liberalen wurde bestimmte er in hohem Ausmaß die Wirtschaftspolitik der britischen Liberalen.

Keynes stammte aus einer sozial gesinnten Akademikerfamilie, schon sein Vater war Professor für Ökonomie in Cambridge. Der Familientradition folgend absolvierter er Eton und danach das King’s College der Universität Cambridge. Er studierte Philosophie, Mathematik und Ökonomie und lehrte 1909 erstmals auf Empfehlung von Alfred Marshall, dem es 1903 gelungen war, Volkswirtschaft als eigenes Fach in Cambridge einzuführen, Nationalökonomie in Cambridge.  Sein Doktorat erwarb er 1908 mit einer Arbeit über Wahrscheinlichkeitstheorie.  Von 1920 bis zu seinem Tod lehrte er als Dozent am King’s College der Universität Cambridge.

Während es 1. Weltkriegs trat er ins britische Finanzministerium ein und hatte direkten Zugang zum späteren Premierminister Lloyd George, der mit der Beratung von Keynes für Großbritannien den Versailler Friedensvertrag aushandelte. Aus moralischen, aber auch aus nationalökonomischen Gründen trat Keynes gegen hohe Reparationszahlungen Deutschlands und Österreichs ein; als diese von England, Frankreich und den USA beschlossen wurden, trat Keynes unter Protest von seinem Posten zurück, da er die Folgen vorhersah.

Der Text „Am I a Liberal?“, der hier zum Download bereitsteht, spiegelt wohl diese Erfahrungen wieder: Er versteht sich zwar eindeutig als Liberaler, lässt aber auch Distanz zur Partei spüren. In seinem Vortrag vor der „Liberal Summer School“ in Cambridge 1926 legt er seine Grundwerte dar, zu denen auch zählt, dass politisches Engagement für ihn – neben seiner akademischen Tätigkeit als Professor – wesentlich sei und dass er sich in der Liberalen Partei am besten aufgehoben fühle, allerdings vorwiegend in Abgrenzung zu den Tories und zur Labour Party – ein Gefühl, das mir nicht fremd ist.

Sein berühmtestes Werk ist zweifellos die „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (1936). Die darin vertreten Thesen sind bis heute gültig: Zwar sei die Marktwirtschaft in der Lage, ein ökonomisches Gleichgewicht zu schaffen, allerdings um den Preis zyklisch hoher Massenarbeitslosigkeit, Deflation und Depression. In diesem Kontext warnte er vor dem Aufkommen von Nationalismus, Faschismus und Kommunismus, die zwar das Arbeitslosenproblem zumindest temporär zu lösen im Stande waren, allerdings um den Preis der Aufgabe von Freiheit und Demokratie. In den letzten Kapiteln seines Standardwerks begründet er genau damit, warum er im Abschwung Staatsschulden, Defizite und Inflation in Kauf nimmt, sofern diese während des Aufschwungs zurück bezahlt werden – auf letzteres haben die sozialdemokratischen „Neo-Keynesianer“ allerdings vergessen.

Tatsächlich hat sich Keynes diese Theorie schon in den 1920-er Jahren vertreten. Der Aufsatz „The End of ‚Laissez-faire‘“aus dem Jahr 1926, der hier zum Download bereit steht, belegt dies deutlich. Aus diesem Grund war Keynes auch zeit seines Lebens für die Abkehr vom Goldstandard.

Auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde Keynes damit beauftragt, als Chefunterhändler für Großbritannien die Verhandlungen zur (ökonomischen) Nachkriegsordnung (Bretton-Woods-Abkommen 1944) zu führen. Wie schon bei den Versailler Friedensverhandlungen blieb er auch hier erfolglos, da seine Vorschläge darauf hinausliefen, die Vormacht der USA (und des US-Dollars als Leitwährung) zu verhindern, die USA aber nach dem 2. Weltkrieg zur führenden Weltmacht des Westens aufgestiegen waren.

Am Rande soll hier auch erwähnt werden, dass Keynes nicht nur an Mathematik, Philosophie und Nationalökonomie sowie praktischer Politik interessiert war, sonder auch an Kultur und Künsten. So war er, gemeinsam mit  Virginia Woolf, dem Maler Duncan Grant und vielen anderen prominenten Künstlerinnen und Künstler jener Zeit Mitglied der Bloomsbury Group , die sich regelmäßig im Hotel Russel  traf.

Mit dem Maler Duncan Grant verband Keynes von 1908 bis 1915 eine Liebesbeziehung. Er bekannte sich zu seiner Homosexualität, bis er die russische Balletttänzerin Lydia Lopokova kennenlernte, die er 1925 heiratete.

Im Jahr 1946, ein Jahr nach dem Tod seines Mentors Lloyd George, verstarb auch John Maynard Keynes an Herzversagen.

Ronald Pohoryles